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Wie aus „Beinen und Pfoten“ plötzlich ein Teller „Tote Oma“ wurde

30. Sept.
3 Min. Lesezeit
FOTO: @ loewe_bs (www.kochbar.de)
FOTO: @ loewe_bs (www.kochbar.de)

Heute ist der Internationale Tag der Übersetzung – ein perfekter Anlass, um daran zu erinnern, dass Literatur Grenzen nicht einfach dadurch überwindet, dass Worte von einer Sprache in die andere übertragen werden. Einen Roman in eine andere Sprache zu übertragen, ist in Wirklichkeit eine Arbeit der kulturellen Rekonstruktion; ein feines Kunsthandwerk, bei dem wörtliche Treue manchmal der Treue zum Sinn, zum Humor und zur Emotion weichen muss. Die Atmosphäre, die Eigenheiten und den historischen Kontext eines Werkes zu vermitteln, ohne dass die Geschichte unterwegs ihre Seele verliert, gehört zu den größten Herausforderungen für uns Autorinnen.

 

Der Tag, an dem ein paar „Ess-Beine“ in Deutschland für einen Kurzschluss sorgten

Als es darum ging, SOY GRANDE als Ich bin GROSS ins Deutsche zu übertragen, wurde mir schnell klar, dass das Spanische voller humorvoller Nuancen steckt, die sich nicht 1:1 spiegeln lassen. Im Originalbuch erzählt Onkel Ángel seinen Kunden im Friseursalon bizarre Anekdoten. Eine davon handelte von einem Spaziergang mit dem Vater seiner Freundin über einen Acker, um um die Hand von dessen Tochter anzuhalten. Dabei stolperte der Junge und fiel hin. Der Schwiegervater in spe, ein etwas rauer Mann, fragte ihn: «¿Qué te has herío, las patitas de comer o las patitas de andar?» (auf Deutsch: Was hast du dir verletzt – die Beinchen zum Fressen oder die Beinchen zum Laufen?)

Im Spanischen zündet der Witz sofort, weil die Sprache strikt unterscheidet: Piernas nutzt man ausschließlich für menschliche Beine, während Patas (hier im Verniedlichungssuffix als Patitas) die Beine von Tieren bezeichnet. Durch diesen Wortwitz degradiert der Schwiegervater den Jungen auf humorvolle Weise zu einem Tier.

Versucht man nun, diesen Spruch wörtlich ins Deutsche zu übersetzen – etwa als „die Ess-Beine oder die Lauf-Beine“ –, erzeugt das bei deutschen Lesern schlichtweg Unverständnis. Genau das passierte meiner Testleserin Nancy, die beim Lesen dieser konstruierten Übersetzung einen echten „geistigen Kurzschluss“ erlitt. Da die sprachliche Entsprechung im Deutschen fehlt, funktionierte die Erfindung von Ess-Beine und Lauf-Beine überhaupt nicht; die Komik verflüchtigte sich und die Szene verlor ihren Sinn.

Die Lösung? Anstatt ein unübersetzbares Wortspiel zu erzwingen, ersetzte ich den Spaziergang über den Acker durch ein gemeinsames Essen vor einem Teller Tote Oma – der bekannten regionalen Spezialität aus Brandenburg aus Blutwurst, Salz- oder Stampfkartoffeln und Sauerkraut, die sowohl durch ihren Namen als auch durch ihr Erscheinungsbild auffällt. So blieb die humorvolle Dynamik der Szene erhalten und wurde perfekt an die kulturellen Referenzen der deutschen Leserschaft angepasst.


 

Wenn Eigennamen eine Gebrauchsanweisung brauchen

Die Sprache war nicht die einzige Hürde; auch die spanische Namenskunde spielte ihren Streich. Die meisten Kapitel des Romans sind nach Personen benannt. Für spanischsprachige Leser ist das offensichtlich, im Deutschen sorgte es jedoch für einige Verwirrung.

Im Spanischen stimmen viele Eigennamen exakt mit alltäglichen Wörtern oder Empfindungen überein: Concha (Muschel), Soledad (Einsamkeit), Dolores (Schmerzen)... Beim Lesen der Kapiteltitel wussten die deutschen Leser oft nicht, ob sie ein abstraktes Konzept, einen Gegenstand oder den Namen einer Figur vor sich hatten.

Um dieses Problem zu lösen, habe ich am Ende des Romanes ein Glossar eingefügt. Darin werden nicht nur diese Begriffe und Namen kurz erklärt, sondern auch typisch spanische Bräuche wie die zwölf Weintrauben an Silvester, traditionelle Gerichte unserer Gastronomie und historische Persönlichkeiten aus der Zeitspanne des Romans (zwischen 1960 und 2020) kontextualisiert.

 


Herzlicher Empfang in der Zentralbibliothek Dresden

All diese Mühen der kulturellen Anpassung haben Früchte getragen. Kürzlich durften wir Ich bin GROSS dem deutschen Publikum im Rahmen einer Lesung in der Zentralbibliothek Dresden vorstellen. Dabei konnten wir das große Interesse und die Neugier der Besucher hautnah miterleben. Zu sehen, wie die Leser sich mit der Geschichte verbinden, den Hintergrund verstehen und das Buch in ihrer eigenen Sprache genießen, bestätigte, dass sich jede Anpassung und jede Anmerkung im Glossar gelohnt hat.

 



Neue Herausforderungen am Horizont: STANDING TALL und Geschichten im Flugmodus

Mit diesen wertvollen Erfahrungen im Gepäck arbeite ich bereits an der englischen Übersetzung des Romans. Die kulturellen und marktbezogenen Unterschiede im angelsächsischen Raum sind so ausgeprägt, dass die Anpassungen bereits beim Buchcover beginnen: Eine wörtliche Übersetzung des Titels hätte überhaupt nicht funktioniert, weshalb der englische Titel STANDING TALL lauten wird. Sogar das Coverdesign wird für jede Edition komplett neu gestaltet, um den visuellen Vorlieben und Trends des jeweiligen Marktes gerecht zu werden.

Und die internationale Reise geht weiter: Derzeit befinden sich auch die Erzählungen meiner Kurzgeschichtensammlung Cuentos en modo avión (Geschichten im Flugmodus / Flight Mode Stories) in der Übersetzung ins Deutsche und Englische – bereit, durch die Literatur weiterhin Brücken zwischen den Kulturen zu schlagen.


Und du? Hast du schon einmal ein übersetztes Buch gelesen, in dem dich eine Redewendung oder ein kultureller Unterschied verwirrt hat? Wie findest du Anpassungen, unterschiedliche Coverdesigns und Glossare in internationalen Büchern? Ich freue mich auf deine Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren!

 
 
 

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